Harry Häusle & Gilla LIVE
11.06.2019
„Wiehnächta“ – Auftritt bei Licht ins Dunkel
11.06.2019

1945 - Der Krieg ist aus


oder

Die Franzosen kommen


(Erzählung nach den Kindheitserinnerungen von Olga Häusle)

 

Vorwort von Harry Häusle, Sohn von Olga Häusle


Ich war und bin sehr froh darüber, daß, als meine Mutter mir berichtet hat als ich sie über die Meinung der Familienmitglieder über die Juden in Hohenems gefragt habe, diese immer gesagt haben: Das waren alles sehr anständige Menschen.

Jede Volksgruppe lebt von den anständigen (wohl wissend, daß auch dieser Ausdruck im Laufe der Zeit seine Bedeutung verändert hat oder noch verändern wird) Menschen, gleichgültig ob das nun Juden, Türken etc. sind. Ich würde mich hüten, eine Gruppe pauschal zu verunglimpfen oder gar zu verurteilen, denn dann würde sehr vielen Menschen Unrecht getan. Wir sind alle Menschen mit unseren Vorzügen und auch Nöten. Gerechtigkeit gibt es manchmal nicht. Darum bemühen jedoch kann sich jeder. Ein wohlwollendes Miteinander kann unser Leben mit manchmal unerwartet wunderbaren Erlebnissen überraschen.

Ich konnte schon viele schöne Momente mit Schülern unterschiedlichster Herkunft an unserer Hauptschule erleben. Der Spruch „Du kriegst was du gibst" holt jeden irgendwann einmal ein, wünschenswerterweise für uns alle im positiven Sinne.

Lesen Sie, wenn Sie mögen, hier eine amüsante Geschichte, die sich inmitten einer gefährlichen Zeit bei Kriegsende in Hohenems zugetragen hat als meine Mutter ein Mädchen von sechs ein halb Jahren war:

 

Die Geschichte


Johann, ein Mann, der noch beim „Volkssturm" gewesen war, jammert. Den ganzen Tag geht er mit seinem Mostkrug in den Keller und trinkt einen nach dem anderen aus. „Jetzt haben wir schon wieder den Krieg verloren!" jammert er andauernd. Der Einmarsch der Franzosen (künftige Besatzungsmacht) steht kurz bevor. Meine Mutter und Johanns Frau planen, mit meiner kleinen Schwester und mir (mein Vater war noch im Krieg; er kam später glücklicherweise wieder zurück) auf den Schwefelberg bei Hohenems zu flüchten, um so eventuellen Übergriffen der einmarschierenden Franzosen zu entgehen. Da in unserer unmittelbaren Nachbarschaft eine Fabrik steht, die zur deutschen Rüstungsindustrie zählt, könnte diese Tatsache eine gewisse Gefahr für uns bedeuten. Je näher der Abend kommt, umso deutlicher wird uns klar, dass Johann in seinem Zustand nicht mitgehen kann. Schließlich liegt er inzwischen stockbetrunken in seinem Bett.

In unserer Parzelle gab es noch ein paar deutsche Soldaten, die unbedingt Widerstand leisten wollten. Einer Handvoll Frauen gelang es aber, Gott sei Dank, die Soldaten zur Flucht zu bewegen. Ihr Fluchtweg führte sie leider ebenfalls über den Schwefelberg, wo sie einige Leuchtkugeln abfeuerten. Das brachte uns nun direkt in Gefahr, denn wir waren inzwischen in einem Bauernhaus auf dem Schwefelberg zusammen mit ein paar Nachbarn untergekommen. Die Franzosen waren dadurch auf das Haus am Hügel aufmerksam geworden und eröffneten das Feuer, das aber wie durch ein Wunder kaum Schaden anrichtete. Glücklicherweise wurde es dann mitten in der Nacht doch ruhig, niemand war verletzt worden.

Johanns Frau hatte dauernd ein schlechtes Gewissen, weil wir Johann wegen seines Zustandes zurücklassen mussten. Sie fasste sich ein Herz und schlich im Dunkeln den Hügel hinunter, um nach Johann zu sehen, ob ihm etwas passiert sei. Als sie dann in unser Haus kam - die Franzosen hatten es nicht beschlagnahmt und im Nachbarhaus ihr Quartier aufgeschlagen - sah sie Johann, der im Bett friedlich seinen Rausch ausschlief. Er war weniger gefährdet gewesen als wir.

Ein paar Tage später machte Johanns Frau, als sie sauber machte, eine gefährliche Entdeckung: unter ihrem Ehebett lag noch eine Panzerfaust. Die deutschen Soldaten hatten sie wohl im Zuge ihrer überhasteten Flucht vergessen. Das war eine weitere bedrohliche Situation, denn die Franzosen durften davon natürlich nichts erfahren. Johanns Frau und meine Mutter hielten nun Rat.
Die Panzerfaust musste irgendwie verschwinden. Sie kamen zum Schluss, dass Johann die Waffe nachts in seinem Rucksack wegbringen sollte. Mitten in der Nacht machte er sich dann auf den Weg, ging unter Lebensgefahr zum oberen Weiher auf dem Schwefelberg und warf die Waffe hinein. Wir waren sehr erleichtert, als er gesund wieder zurückkam.

Ich war damals sechs ein halb Jahre alt.